Das Schreiben und der Rest – Teil 1: Das WARUM

Das Schreiben und der Rest – Teil 1: Das WARUM (oder: Warum Bücher schreiben?)

„Das Schreiben und der Rest“ – ich gebe zu: Bei dem Titel dieser Reihe habe ich ein bisschen bei einer gewissen Größe der schreibenden Zunft abgeschaut. Da „Leben“ schon besetzt war, wollte ich das Schreiben noch mehr in den Vordergrund bringen, auch wenn der „Rest“ womöglich etwas abwertend klingt. Das soll er aber keineswegs sein. Ganz im Gegenteil! Der Rest umfasst nicht nur mühsame oder lästige Sachen (wie zur Arbeit pendeln oder den Müll rausbringen), sondern auch die schönen Dinge: Zeit mit der Familie oder mit Freunden. Ein mitreißendes Escape-Game. Ein atemberaubendes Konzert.

„Warum“ das alles hier?

Haben wir das nun ein für alle Mal geklärt, widmen wir uns dem heutigen Teil genauer. Da steht „Das WARUM“. Das könnte alles Mögliche bedeuten. Warum ist noch nicht Wochenende? Warum fällt ein Marmeladenbrötchen immer auf die falsche Seite? Warum macht man das Radio aus, wenn man einparken will? Hier bei mir dreht es sich aber – wir erinnern uns an den Reihen-Titel – um das Schreiben.

„Warum schreibst du (Bücher)?“ Eine Frage, die ich des Öfteren höre. Zwar nicht DIE häufigste Frage, aber vielleicht eine, die meine Gegenüber eher denken, als sie auszusprechen. Einen Fußballprofi fragt man ja auch eher selten „Warum spielst du Fußball?“. Wobei der Vergleich etwas hinkt. Ich bin in keiner Schreib-Mannschaft, weder im Sturm(-und-Drang)-Zentrum noch auf der Libe-ro(mantik)-Position. Stattdessen war ich in meiner Kindheit zunächst im Fußball-Verein, später dann beim Handball und am Ende beim Basketball (in Letzterem sogar heute noch – aber eher als Beitragszahler statt aktiver Spieler).

Lässt sich Schreiben vielleicht mit Sport vergleichen?

Bleiben wir beim Basketball und gucken uns einen Profi an. Idealerweise spielt er in seiner Jugend schon Basketball. Zwei- bis dreimal in der Woche Training, am Wochenende jeweils ein Spiel. Wenn er die Möglichkeit hat, wechselt er zum nächstgrößeren Verein, der eine Jugendakademie besitzt, in der er nun vier- bis fünfmal pro Woche trainiert. Wenn er alt genug ist, verlässt er die Jugendmannschaften und wird in den Profi-Kader berufen. Dort bekommt er in den ersten Spielen ein paar Minuten Einsatzzeit, wenn das Spiel schon entschieden ist. Nach und nach erhöht sich dann die Spielzeit, bis er sich etabliert hat. Die Nationalmannschaft winkt, der Sprung nach Übersee und so weiter und so fort.

Eine legitime Frage wäre nun: Gibt es Schreibprofis? Schauen wir uns das Ganze mal systematisch an.
Hat man Schreibtraining in seiner Kindheit/Jugend gehabt? Eher nicht. Dafür hat man für sich allein Geschichten geschrieben und ellenlange Textverarbeitungsdokumente damit gefüllt.
Ist man irgendwann in eine „Schreibmannschaft“ gewechselt? Ebenfalls eher nicht. Mir ist generell auch nicht bekannt, dass es so etwas geben würde. Klar, es gibt Zusammenschlüsse von Autoren, z.B. aus einem bestimmten Genre, die mitunter auch mal gemeinsam Bücher schreiben. Das ist aber eher die Ausnahme.
Vielmehr dienen solche Autorenrunden meiner Erfahrung nach dazu, sich über die Buchwelt auszutauschen und Tipps & Tricks zu teilen. Und sicherlich gibt es auch zahlreiche Schreibgruppen, die sich regelmäßig zum Schreiben treffen. Was sich aber zum Sport unterscheidet: Sie treten nicht gegen andere Schreibteams an.
Es gibt auch keine Tabelle (am ehesten wäre das eine Bestsellerliste) in der Schreibwelt. Und der Sprung nach Übersee ist auch eher selten – außer man möchte weg aus dem kalten Deutschland und z.B. im warmen Kalifornien leben.
Insgesamt lässt sich also sagen, dass der Vergleich Sport und Schreiben nicht ganz passt. Auch eine Erkenntnis. Aber die Frage bleibt dennoch: Gibt es Schreibprofis?

Kurze Frage, kurze Antwort: Ich glaube, ja. Ich bin jedoch keiner. Dazu fehlen mir die Erfahrung und das entsprechende Handwerkszeug. Ich habe zwar schon als Kind und Jugendlicher Geschichten geschrieben, aber mehr unkontrolliert und ohne klares Ziel. Da war kein Trainer oder Betreuer, der Fingerübungen für mich ausgesucht hat oder zu dem ich regelmäßig zum „Training“ gegangen bin, und es gab auch keine Schreib-Battles am Wochenende in der Mittelrhein-Schreibliga. Da waren lediglich mein PC, meine Tastatur und meine Phantasie. Und der – zugegeben etwas kindliche – Gedanke: Das wird die beste Geschichte, die es je gab. Jahre später weiß ich, dass dem nicht so ganz ist.

Bücher schreiben ist kein Zufall – sondern Handwerk

Gucken wir aber noch einmal auf das Schreibhandwerk. 5 Euro ins Phrasenschwein für „Übung macht den Meister“. Aber so ist es nun einmal bei einem Handwerk. Oder in der Kunst. Man muss sich nur einmal Musiker anschauen. Zufälligerweise höre ich gerade meinen Nachbarn Klarinette üben. Und diesen Klängen darf ich nicht erst seit heute lauschen. Schon seit Jahren (er ist zum Glück ziemlich gut – es ist also kein Katzenjammer). Ähnlich verhält es sich mit Malern. Auch sie werden nicht direkt ein Jahrhundertgemälde aus dem Pinsel zaubern, sondern erst durch jahrelange Übung ihren Stil perfektionieren. Wieso soll das beim Schreiben nicht anders sein?

Es ist nicht anders. Die Erfahrung macht es. Nicht umsonst steht in manchen Schreibratgebern, dass erst das fünfte geschriebene Buch dazu taugt, veröffentlicht zu werden. Dort steht auch, dass man sich Bücher suchen soll, die man toll findet, und diese dann analysieren soll. Ähnlich, wie der Maler die verschiedenen Maltechniken (ich oute mich als Laie) auf einem Gemälde studiert oder der Musiker die Noten Zeile für Zeile durchgeht und sich das Zusammenspiel der einzelnen Instrumente anschaut, schadet es Autoren nicht, sich die großen Werke in der Literaturwelt zu Gemüte zu führen. Und sich dann solch Fragen zu stellen: Wie hat der Autor es geschafft, in dieser Szene solch eine Spannung aufzubauen? Wie bekommt er diese lebhaften Beschreibungen hin? Was macht seine Figuren so sympathisch?

Warum also Bücher schreiben?

Das führt mich zum nächsten Punkt. Das Schreibhandwerk ist nur einer der Gründe, „warum“ ich Bücher schreibe. Da gibt es noch mehr. Wenn ich so darüber nachdenke, fallen mir grundsätzlich fünf ein. Jeden davon möchte ich im Folgenden kurz erläutern. Sie lauten:

  • Besser werden und Erfahrung sammeln
  • Schreibsucht stillen
  • Teil der Buchbubble sein
  • Traum leben und glücklich sein

Besser werden und Erfahrung sammeln

Wie oben schon erwähnt, schreibe ich, um besser zu werden. Um Erfahrung zu sammeln. Um irgendwann in der Lage zu sein, all die Dinge, die in meinem Kopf passieren, in der einfachsten und besten Form auf Papier zu bringen. Ideal wäre übrigens eine Maschine, die man sich auf den Kopf setzt und die dann durch die Messung der Hirnströme meinen inneren Film in Worte umwandelt. Vermutlich bin ich nicht der Erste, der sich das wünscht. Und vermutlich gibt es auch irgendwo auf der Welt schon ein Buch zu dieser Idee.
Bis dahin muss ich mich damit begnügen, was ich habe, um Bücher schreiben zu können.

Schreibsucht stillen

Dann gibt es da noch eine Art „Schreibsucht“, die sich nach meiner ersten Veröffentlichung („Milo und das Geheimnis von Polyrica“) eingeschlichen hat. Ich weiß nicht, ob es korrekt ist, das Schreiben mit einer Droge zu vergleichen, wobei mir vermutlich viele Schreibende zustimmen und behaupten würden, das Schreiben sei für sie wie eine Droge. Etwas, das sie regelmäßig (im besten Fall jeden Tag) tun oder konsumieren würden.
Es kommt wahrscheinlich auch daher, dass man merkt, dass man etwas geschafft hat. Ganz am Anfang war da nur diese eine Idee. Eine kurze Sekunde. Irgendetwas im Kopf, bei dem man dachte: „Was wäre, wenn …?“
Und dann, Monate oder Jahre später, hat man ein gedrucktes Buch in der Hand, liest seinen Namen, schlägt es auf, der typische Geruch von Papier steigt einem in die Nase, und man lässt die Seiten durch die Finger gleiten. Man erinnert sich an einzelne Passagen, weiß noch, wann und wo man sie geschrieben hat. An andere Absätze erinnert man sich vielleicht kaum und fragt sich: „Ist das wirklich von mir? Wow!“
So kommt vieles zusammen, was einen dazu verleitet, diese Gefühle wieder und wieder erleben zu wollen. Und wie geht das? Indem man ein neues Buch veröffentlicht. Da haben wir die Antwort.

Teil der Buchbubble sein

Außerdem ist die Buchbubble etwas ganz Besonderes. Als Neuling mag man noch denken: Ich werde die nächsten Monate allein in meinem Kämmerchen sitzen und jetzt Bücher schreiben. Ja, das kann so ablaufen. Aber das muss es nicht. Ich hatte das Glück, Ende 2019 noch auf der Frankfurter Buchmesse sein zu können (danach kam erst einmal nicht viel live vor Ort). Die Kontakte, die ich dort knüpfen konnte, „sehe“ ich regelmäßig online – sei es bei Instagram, Facebook, Zoom oder Twitch. Auch andere Gelegenheiten wie regionale Stammtische oder Verbände (wie z.B. PAN oder der Selfpublisher-Verband) geben einem die Möglichkeit, sich mit anderen Schreibbegeisterten über Bücher und alles, was dazu gehört, auszutauschen.
Das Tolle dabei ist, dass die Interaktionen untereinander vor allem herzlich, hilfsbereit und gönnend geprägt sind. Man unterstützt sich. Man freut sich für andere, wenn sie ein Buch veröffentlichen. Oder wenn sie ihr Cover zum ersten Mal zeigen (so wie bei mir zuletzt). Oder oder oder …

Traum leben und glücklich sein

Warum ich aber auch schreibe – und hier kommen wir zu einer noch wichtigeren „Warum“-Facette – ist die Tatsache, dass ich nicht anders kann. Ich kann und will mir nicht vorstellen, wie mein Leben verlaufen würde, wenn ich heute Abend den Stift fallen lasse und ihn nie wieder anrühren würde. Es sträubt sich regelrecht in mir, dieses Szenario zu durchdenken, aber ich zwinge mich für ein paar Minuten dazu.
Würde ich den Schreibdrang ignorieren, würde etwas fehlen. Mein Leben wäre letztlich auf eine gewisse Weise unvollkommen. Als würde ich die Augen vor einer Wahrheit bzw. meinem Traum verschließen. Und gleichzeitig würde ich mir wahrscheinlich jeden Tag denken: „Wenn ich doch nicht mit dem Schreiben aufgehört hätte, dann …“. Die Vorwürfe würden mich wahnsinnig machen. Nachher lande ich noch in irgendeiner Höhle und komme erst nach sieben Jahren Einsamkeit wieder hervor.
Deshalb bin ich froh und vor allem glücklich, dass ich den Schreibdrang nicht ignoriere. Glück bzw. eher glücklich sein. Das wollen wir doch alle auf die ein oder andere Weise. Mal in diesem, mal in einem anderen Lebensbereich. Und Bücher schreiben gehört für mich persönlich dazu.

Fazit: Das „Warum“ ist meine Leidenschaft

Kommen wir zurück zum Hauptthema: Warum schreiben bzw. warum Bücher schreiben? Das gehört zu mir. Dafür habe ich mich entschieden. Dafür leide ich auch mal. Nicht umsonst heißt es Leidenschaft. Andere Menschen haben eine Leidenschaft für Sport. Für Musik. Für Essen. Für Geschwindigkeit. Für Reisen (ich übrigens auch ein bisschen). Für was-auch-immer.
In meinen Augen schadet es nicht, wenn man in sich geht, und versucht herauszufinden, für was man selbst brennt. Was einen die Finger kribbelig werden lässt, wenn man daran denkt. Dann stehen die Chancen gut, dass man seine Leidenschaft gefunden hat.

Und wenn man sie hat, die Leidenschaft? Dann sollte man leiden. Und etwas schaffen (bei mir bisher die Milo-Reihe). Denn noch schlimmer als sich nicht über seine Leidenschaft im Klaren zu sein, ist es vermutlich, seine Leidenschaft zu ignorieren. Ich versuche, die nächsten 5 Euro nicht ins Phrasenschwein werfen zu müssen, deshalb formuliere ich es so: Wir haben das Jahr 2022. Vor dem Jahr 0 gab es auch ein paar Jährchen. In der Zukunft werden hoffentlich noch viele folgen. Und wie viele davon erleben wir? Einen Wimpernschlag (im übertragenden Sinne).

Also: Warum schreibe ich? Ganz einfach: Weil ich weiß, dass ich ohne das Schreiben nicht glücklich sein kann.

 

Alle Teile der Blog-Reihe:

  1. Das WARUM (hier)
  2. Das WAS
  3. Das WANN
  4. Das WIE

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